Sizilien - 27. Mai 2006
Auf nach Santa Domenica Vittoria

- Lucky muß sich erholen
Bis 10.00 Uhr hatten wir alles menschenmögliche versucht, um den verlustig gegangenen Ohrring zu finden. Nun waren alle Taschen gepackt und wir können nur noch auf Lucia hoffen. Ich hoffe, daß sie ihn findet und Heidi hofft auf ein Paar neue. Jedenfalls übergaben wir die verlassene Wohnung an Lucia. Dabei fiel uns ein, daß sie ja noch garkeine Urlaubsbilder gesehen hatte. Also holten wir dies unverzüglich nach. Lucia bekam dadurch gegenüber Salvatore den Vorteil, auch schon die Aufnahmen der letzten Nacht sehen zu können. Lucky lag beim Abschied etwas apathisch in Lucias Auto, weil wohl beim letzten angedeuteten Ausbruch ein Auto seinen Schwanz touchiert hatte. Er sieht zumindest jung aus, vielleicht ist er ja noch lernfähig. Wir verabschiedeten uns von den anwesenden Mitgliedern der Familie aufs Herzlichste und sagten Aufwiedersehen.

- Der Ätna
Marina di Ragusa berührten wir nur noch am Rande und machten uns auf, die ungefähr 200 km nach Santa Domenica Vittora unter die Reifen zu nehmen. Sizilien ist bergiger und das in einer teilweise sehr zerklüfteten Art, als wir je gedacht hätten. Es gibt mehrere gute Straßen in Richtung Catania also von Südwest nach Ost, aber viel weniger Straßen überhaupt, geschweige denn gute von Süd nach Nord, also sagen wir zum Beispiel von Ragusa nach Randazzo. Wir hangelten uns also von den guten Straßen über möglichst kurze, schlechtere Abschnitte, auf denen durchaus auch einmal ein ausgedienter Autoreifen, das Schlagloch fast ausfüllend, vor Gefahren warnte. Wenn er dann einmal passen wird, schlägt das Federbein nicht so hart auf. Und beim Passieren der Städtchen an den Nebenstraßen westlich des Ätna kam uns unsere 14-tägige Sizilienerfahrung, bezüglich der hiesigen Verhaltensweisen beim Verkehr, sehr zustatten. So kamen wir unserem neuen Quartier immer näher. Nach drei Stunden Autofahrt hatten wir auch Santa Domenica Vittoria hinter uns gelassen. Das war auch richtig so, wie wir merkten, da das Agri-Hotel "da Marianna" direkt hinter der zweiten Tornante seinen Standort hat.

- Entspannen am Pool
Der Wirt, seinen Namen krieg ich noch heraus, fand unsere Anmeldung unter "Joste". Wir hatten das letzte verfügbare Zimmer bekommen. Jedenfalls gab er mir den letzten verfügbaren Schlüssel. Zimmer 109 ist ein schönes Zimmer mit großem Bad und Zugang zur gemeinsamen Terrasse. Dort harrte eine Tischtennisplatte ihrer Beschäftigung. Uns stand der Sinn mehr nach Ruhe und Schwimmen. Wir stellten uns eine angemessene Liegegruppe zusammen und beschirmten sie.

- Blick auf Randazzo
Kaum war alles arrangiert an diesem Samstagnachmittag, trudelte eine Gruppe Halbwüchsiger ein, für die der wirklich liebevoll angelegte Pool das einzig verfügbare, öffentliche Bad des Ortes zu sein schien. Also mit Ruhe war nun nix mehr. Als ich eine SMS an Salvatore über unsere glückliche Ankunft tippte, schlief Heidi trotz des Badelärmes tief und fest. Ich schrieb und badete ein wenig, bevor wir uns entschlossen, den Nachmittag für einen Stadtbummel im 7 Kilometer entfernten Randazzo zu nutzen.

- Blick in eine Gasse

- Die Kathedrale Santa Maria
Eigentlich hatte ich angenommen, für den heutigen Tagebucheintrag käme nicht viel zusammen. Meine Hoffnung zerschlug sich aber ziemlich schnell. Die Stadtväter hatten nämlich eine pfiffige Idee. Wenn es schon keine Stadtführungen gibt, machen wir wenigstens einen Vorschlag für einen Stadtrundgang an einem prominenten Ort und unterstützen diesen durch ein paar passende Schilder. Und uns gefiel dieses Angebot ausgesprochen gut. Wir wurden auf diese Weise von einer sehenswerten Stelle zur nächsten geleitet, besuchten bei der Gelegenheit auch gleich noch das Museum im Castello Svevo.

- Wunderschönige, riesige Marionetten
Die übergroßen Marionetten, auch Pupi Siciliani genannt, waren für mich die Attraktion. Es ist auch hier nicht alles sonderlich gepflegt. Daß zumindest an dieser Stelle viel getan wird, ist schön zu sehen. Viele Gassen werden zur Zeit nach hunderten von Jahren das erste Mal erneuert. Zumindest soll wohl denkmalschutzmäßig die Originaloptik erhalten bleiben. Unter dem Lavagesteinspflaster liegt jedenfalls zukünftig Beton. Wir zogen also um die bis zu 800 Jahre alten Häuser und genossen die Athmosphäre in den Gassen. "Buona Siera", "Buona Siera" - mit einem besseren Italienisch könnte man noch viel mehr erfahren. Wir liefen kreuz und quer durch die Altstadt, bis wir auf eine Gelateria stießen. Jetzt ein Eis, das paßt. Inzwischen war die Altstadt für den Autoverkehr gesperrt und langsam begann der Familienabend. Wir schlenderten zu unserem Auto und fuhren hoch nach Santa Domenica Vittoria, um unser Abendmahl zu uns zu nehmen.
Für 20.00 Uhr hatten wir uns angemeldet und noch etwas Zeit, die ebenfalls hier wohnenden Jugendlichen beim Tischtennisspiel zu beobachten. Ob sie auf Abitur- oder Seminargrupenfahrt waren, kam uns später in den Sinn. Fragen konnten wir sie nicht mehr, denn die Tageseinteilungen waren einfach zu verschieden. Wir begaben uns pünktlich zu Tisch, der uns dann auch zugewiesen wurde. Ein netter, geduldiger, junger Mann versuchte, uns unsere Wünsche von den Augen abzulesen, denn sprachlich redeten wir sozusagen aneinander vorbei. Heidi verzichtete auf die Antipasti und ich bestellte eine Vorspeisenplatte für mich. Beim 2. Gang (Pasti) suchte sich Heidi Ravioli mit Spinat und Ricotta aus, ich entschied mich für Tagliatelle mit Pilzen. Der 3. Gang (Carne) brachte Heidi ein gekonnt gegrilltes Schweinekotelette und mir Castrato - nein das waren fünf Lammkotelettes und eine Beinscheibe ebenfalls ganz zart gegrillt. Auf die Früchte danach verzichteten wir in weiser Voraussicht. Der Platzmangel wäre erheblich gewesen. Nur ein Mokka ging noch hinein. Über die Getränke einigten wir uns mit dem Wirt auf eine Pauschale von 5,- € pro Tag, was jeweils einen halben Liter weißen und roten Hausweines sowie eine Flasche Wasser als Gegenwert hatte. Das ist ein fairer Preis, denke ich. So, nun waren alle Bestellungen aufgegeben und wir harrten der Dinge. Die Getränke ließen nicht lange auf sich warten und auch meine Antipasti kamen zügig. Allerdings mußte der Kellner drei Mal laufen, bis er alle zugehörigen Teller mit den je zwei interessant zubereiteten Gemüsesorten, dem Käse und der Wurst auf dem Tisch hatte. Nun half Heidi doch mit, die Leckereien zu verkosten. Der Parika war zum Beispiel mit Semmelbröseln angerichtet, die Zuccini hatten Kartoffeln dabei oder aber waren hauchdünn geschnitten und mit Zitrone behandelt worden. Die Zwiebeln waren mit Balsamiko und Rotwein in Berührung gekommen. Auch Käse und Wurst waren gut. Eigentlich war ich schon das erste Mal satt, als die Tagliatelle kamen. Was für ein Berg! Vollpension überlebt man wahrscheinlich nicht, denn lecker ist es auch noch. Die Kunst der Selbstbeschränkung kann man hier bestens üben, oder aber der Völlerei frönen. Und dann das Fleisch zu selbstgemachten Pommes. Ich konnte nicht mehr und Heidi war auch am Platzen. Nix mehr Nachspeise! Basta! Zum Glück hatten wir ja noch den Amaro d'Aetna auf dem Zimmer, dessen Genuß etwas Linderung brachte.
Als wir den Amaro geleert hatten, legten die jungen Leute die Tischtenniskellen aus der Hand, um nun ihrerseits die hiesige Küche zu genießen. Wir lasen und schrieben noch etwas, bevor wir, müde von dem langen Tag und der Luftveränderung, gegen 23.00 Uhr zu Bett gingen. Geweckt wurden wir von den tischtennisspielenden Mitbewohnern, die wohl so die Kallorien wieder loswerden wollten. Bei geschlossenen Fenstern waren wir schnell wieder bei Morpheus.
Jost



