Sizilien - 15. Mai 2006
Am Strand von Calamosche...
...da gibt es kinderleichte Wanderwege. Also bildete das Naturschutzgebiet von Vendicari ein attraktives Ziel für ungeübte, sprich auf Einwandern gesonnene Urlauber wie uns. Leider mußten wir mit unserem Wanderführer als Kartenmaterial vorliebnehmen, denn in Pozzalo fanden wir nur einen Zeitungskiosk, der ausschließlich mit Karten im Maßstab größer 1:200.000 dienen konnte. Wir hatten zumindest Brot, Schinken und Wasser dabei. Das sollte für diese Latschenwanderung genügen. Bis Pachino fuhren wir am Meer entlang und waren dann von der Ausdehnung des Ortes total überrascht. Es zieht sich elend. Und die engen Straßen entsprechen den hiesigen Standards. Ist man ersteinmal hindurch, ich hatte die Umfahrung verpaßt, fährt man gut und gerne noch eine Viertelstunde, bis einem der Hinweis auf das Vendicari-Naturschutzgebiet ins Auge springt. Die angezeigten 500 Meter bis zum Parkplatz kann man getrost verdoppeln und die gewohnte Straßenbreite halbieren. Bei Gegenverkehr ist viel Geschick vonnöten, aneinander unbeschadet vorbei zu kommen. Fünfzig Meter vom Eingang entfernt kann man sein Auto für 3.-€ parken. Beim Betreten des Naturschutzgebietes wird wiederum nur die Nationalität abgefragt und schon ist man größtenteils allein der Natur ausgeliefert. Falsch! Eigentlich ist man mehr den Kartenherstellern und Reiseführern ausgeliefert, denn beide stimmen zu großen Teilen eher nicht, was ärgerlich ist, denn wir kamen nicht zu den Ausgrabungen von Eloro. Aber der Reihe nach.

- Heidi mit Neptunkugel
Der erste Poseidonball war Heidis. Die bis ungefähr 1940 produzierende Thunfischfabrik ist zum Denkmal aufgemotzt worden und stellt den fünfhundert Jahre älteren Wachturm ungerechterweise in den Schatten. Die große Flut 1951, wegen der der Padano Grande als Saline aufgegeben wurde, scheint doch eher der Anlaß denn der Grund gewesen zu sein. Wenn die Versicherung gezahlt hat. Was soll's? Die im Wanderführer versprochenen, verfallenen Fischerhäuser waren wohl inzwischen abgetragen worden, was das Auffinden der griechischen Fischverarbeitungsfelswannen unmöglich machte.

- Bucht von Calamosche
Warum die Via Elorina auch südlich von Eloro verlaufen sein soll, wenn ihre Aufgabe die Verbindung zum nördlich gelegenen Syrakus gewesen war, wird wohl das Geheimnis des Wanderführers bleiben. Zumindest war der Sandstrand in der Bucht von Calamosche noch da, wo er hingehört. Wir stärkten uns mit der in Pozallo erstandenen Wegzehrung und ich nahm die Einladung zum Bade an. Weiter durch die Maccia kamen wir an den Tellaro, an dessen Ufer wir schon umzukehren gedachten. Dann kam ein einheimischer Wanderer des Wegs und zeigte uns die Furt, die von einem weggeworfenen Kühlschrank gekennzeichnet war. Leider hatten wir dieses Zeichen nicht richtig gedeutet. Nun war es nicht mehr weit nach Eloro. Keinerlei Schilder wiesen jedoch einen eventuell vorhandenen Weg. Plötzlich standen wir wieder außerhalb des Naturschutzgebietes am Ende einer kleinen Straße, die von den Ortskundigen für Strandbesuche genutzt wird.

- Echse beim Sonnenbade
Zwischen dem Strand und Eloro fließt ein zweites Flüßchen vor einer natürlichen Felswand. Na dann eben nicht! Leider gibt es auch den Rückweg im Landesinneren so überhaupt nicht. Deshalb querten wir den Tellaro nun über eine stillgelegte Eisenbahnbrücke. Drei Ausdauersportler überholten uns freundlich grüßend. Wir wanderten jetzt immer der Nase nach und erreichten auch bald Marianelli, wo uns ein großes Willkommensschild der Parkverwaltung begrüßte. Nur war leider das Tor verschlossen und wir folgten dem Beispiel eines weiteren Sportfreundes und überkletterten die angrenzende Mauer. Auf Anraten des Läufers wandten wir uns nach Norden und kamen so zumindest wieder auf den Hauptweg. Hinter dem Strand von Calamosche, wo ich auf dem Hinweg angebadet hatte, stand ein Schild, das den Weg in Richtung Ausgang wies. Wie sich dann herausstellte, meinte das Schild aber nicht unseren Ausgang sondern einen weiteren anderen nördlich von La Blanca.

- Blick auf die Saline
Erschwerend kam noch hinzu, daß das gesamte Naturschutzgebiet bereits seit einigen Kilometern eingezäunt war und der Weg außerhalb verlief. Wahrscheinlich ähnlich verwirrte Wanderer hatten den Zaun bei La Blanca durchlässig gemacht. Wir passierten eine durch eine schwere Kette in Kniehöhe gesperrte Straße und das daran gelegene Gehöft, um vor einem weiteren geschlossenen Tor zu stehen. Auch hier war der Zaun nebenan dem Interesse der Wanderer, ans Ziel zu kommen, gewichen. Den kurzen Weg zum Ausgang konnten wir beim besten Willen nicht ausmachen und so gingen wir zwischen den Pantanoseen hindurch wieder hinauf zum Hauptwanderweg. Als wir endlich ins Auto stiegen, hatten wir anstatt der insgesamt 17 km angegebener Wanderstrecke nur 10 km geschafft aber sozusagen 22 km gebraucht. Ist doch ziemlich komisch.
Über Noto, das ob seiner Straßen auch Klein San Franzisko heißen könnte, und Ispica, wo wir einen frisch gepressten Orangensaft, einen Blutorangensaft und ich zusätzlich ein Capuccino zu uns nahmen, fuhren wir wieder nach Marina di Ragusa. Kurz vor Ladenschluß um 21.00 Uhr fielen wir in den Supermarkt ein, weil wir noch etwas für's Abendessen brauchten. Eine Pizza Capriziosa zum Fertigbacken - sie sah wirklich gut aus - und ein Goldbroiler oder doch eher ein italienisches Rosmarienbrathähnchen sollten genügen. Obwohl es inzwischen dunkel geworden war, fuhr ich weiter mit meiner Sonnenbrille, denn in der irrigen Annahme, wir kämen im Hellen nach Hause, hatte ich meine andere Brille garnicht mitgenommen. Aber es sind ja nur 500 Meter bis zur Casa Lucia. Umgehend wurde die Pizza ins Rohr geschoben und Heidi begab sich in die Dusche, um den Wanderstaub abzuwaschen. "Jost, hör auf mit dem Quatsch!" bezog sich diesmal nicht auf wackelnde Wände sondern auf die plötzlich einsetzende Finsternis. Der Strom war weg. Nein, ich hatte den Lichtschalter nicht betätigt. Und ich hatte auch nicht den Wasserhahn zugedreht. Alle Schütze im Hauskasten waren an. Schade. Bei Molès ging niemand ans Telefon und so suchten wir Halt bei Bettina und Enzo, die zum Einen versuchen wollten, Lucia oder Salvatore zu erreichen und zum Anderen vorbeikommen wollten, wenn dies nicht gelänge. Den Ort des Stromzählers für das Grundstück kannte ich nicht und so mußten wir uns in Geduld fassen. Zuerst schalteten wir mal das elektrische Rohr aus und bemerkten dabei, daß auch die zwei elektrischen Herdplatten Strom gezogen hatten. Wenn dann noch die Wasserpumpe anspringt, beim Duschen zum Beispiel, sind alle Grenzen überschritten. Salvatore meldete sich sehr schnell. Das zweimalig Klingeln reichte Heidi allerdings nicht, mit Salvatore ins Gespräch zu kommen. Also rief ich zurück. Es ist ganz einfach. Rechts neben der Wohnungstür ist hinter einem Türchen der Stromzähler und daneben befindet sich das Hauptschütz. Hebel hoch und alles war gut. Nachdem Heidi fertiggeduscht hatte, unternahmen wir den zweiten Versuch, die Pizza fertig zu backen und siehe da, es gelang. Auf das Rosmarinhähnchen hatten wir keinen Appetit mehr. Es würde morgen ein herrliches Pastaragout geben. So fand ein etwas unerwartet verlaufener Urlaubstag doch noch ein erquickliches Ende.
Jost



