... und der ganze Rest
Leider enden meine Tagebuchaufzeichnungen mit dem gestrigen Mittwoch. Eigentlich wollte ich die letzten Tage dann zu Hause nachtragen, aber wie es immer so kommt, die Bank wurde immer länger, bis ich heute nur noch aus dem Gedächtnis entsprechend mangelhafte Erinnerungen anfügen kann.
Der Donnerstag sollte der Tag der großen Elchjagd werden. Darauf war der ganze Tag ausgerichtet. Am Nachmittag fuhren Günter und ich nach Miskiniskes zu Valdas' Jagdsitz. Ich hatte das gute Zeissglas eingepackt und wir hatten uns warm angezogen. Valdas empfing uns hocherfreut. Bei einem Gläschen wies er uns in die wichtigsten Verhaltensregeln und die Handhabung der Jagdflinten ein. Zu Fuß begaben wir uns in das Jagdrevier und auf den Hochstand. Woran wir nicht gedacht hatten, war das Mückentötolin. Was da so rumschwirrte, waren Myriaden angriffslustiger Elephantenmücken, die uns bis auf den letzten Tropfen Blut aussaugen würden, wenn sie dürften. Zum Glück hatte Valdas eine absolut wirksame, einheimische Zaubertinktur am Mann, die die nach ihrem Lebenselexier lechzenden Mücken zwar nicht daran hinderten uns weiterhin zu umkreisen, ihnen aber den Geschmack total vergällt hatte. So konnten wir zu beobachtenden Waidmännern erstarren, was das Wild eher zum Betreten der Freiflächen animieren würde, als wild um sich schlagende Mückenbändiger. So hofften wir zumindest. In der Ferne des Waldes knackten starke Äste, was auf die Anwesenheit von Elchen schließen ließ. Zu Gesicht bekamen wir sie nicht. Friedlich lagen die Felder und Wiesen zu unseren Füßen und dei Mücken versuchten, uns in den Schlaf zu summen. Da betrat ein scheues Reh die Flur (ob Bock oder Ricke blieb mir verborgen) und ich stubste Valdas an, um keinen unnötigen Lärm zu machen. Er schaute durchs Fernglas, um die Waidfähigkeit des Wildes zu prüfen. Nach kurzer Abstimmung hatten wir uns entschieden, mich an den Drücker zu lassen. Ich sollte so langsam und leise wie irgend möglich das Gewehr in Anschlag bringen. Ich achtete also darauf, nirgends anzuecken und dabei schossen mir die verschiedensten Gedanken durch den Kopf: Du wirst also jetzt erstmalig auf ein Lebewesen anlegen; wird es sich das gefallen lassen? Wirst Du wirklich abdrücken? Was wenn Du wirklich triffst? Vorsicht der Balken über Dir! Ja, schau durch das Zielfernrohr! Wo ist das Reh? Weg?! Mm...
Auch gut. Die Anspannung ließ nur langsam nach. Ich glaube ich quasselte wie ein Wasserfall, als wir uns auf den Heimweg begaben. Entlang von Buschreihen bewegten wir uns durch das Revier. Valdas erzählte, dass selbst Napoleon hier damals durchgekommen sei. Ob er sich auch an der Gegend erfreut hat, ist nicht überliefert. Auf jeden Fall waren Günter und ich von dem Erlebnis doch ziemlich beeindruckt. Und Valdas war auch zufrieden, da keine weitere Arbeit mit irgendwelchem erlegten Getier zu erledigen war. Wir bedankten uns bei einem Abschiedstrunk herzlich für die Pirsch und begaben uns unseren Gedanken nachhängend wieder nach Antalksne.

- Mister Algis
Ob Mister Algis, wie der erste Taufname des begossenen Hundes lautete, den Miri vorm Ertrinken gerettet hatte, am selben Abend auftauchte, bleibt mir nur zu vermuten. Denn sonst wäre es zeitlich wohl kaum möglich gewesen, bis zur Abreise am Samstag noch die für die Einreise des Mr. Algis notwendigen Impfungen zu erledigen. Ja Miriam war bei einem Spaziergang am See durch das herzerweichende Quietschen eines Hündchens aufmerksam geworden. Für seine Geschwister kam jede Hilfe zu spät aber sie bekamen ein kleines Grab. Und Mister Algis wurde wieder aufgepäppelt.

- Lagerfeuervorbereitung

- Tequilla?

- Ruhig Brauner

- Schön oder?
Am Freitag waren alle nur noch mit dem Packen der Habseligkeiten beschäftigt. In den Pausen gingen wir noch ein wenig spazieren. Die Kinder bereiteten das abschließende Lagerfeuer vor (Wilko und Florian) oder spielten Kaufmannsladen (Falko und Maximilian). So krochen sie uns wenigstens nicht zwischen den Beinen herum.
Als alle Abeisevorbereitungen abgeschlossen und die Sonne am Untergehen war, versuchten wir das Lagerfeuer in Gang zu bringen, was letztendlich auch gelang. Es wurde gegrillt und getrunken und gequatscht und philosophiert, wie das eben so geht am Lagerfeuer. Am Morgen würden wir mit dem ersten Hahnenschrei aufbrechen müssen und deshalb hatten wir irgendwann keine Lust mehr, nochmal in den Schlafsack zu kriechen.
Das Flugzeug ging recht früh und wir mußten ja noch nach Vilnius. Günter, Wilko und Mischa würden dann später den Rückweg per Fähre in Angriff nehmen. Wir kamen alle wieder wohlbehalten in Berlin an und es gab auch nicht die geringsten Schwierigkeiten mit Mister Algis' Einreise. So ging eine aufregende Urlaubsreise schon wieder zu Ende. Alle hatten etwas über antiautoritäre Erziehung gelernt, wobei deren Protagonisten die Spießer nicht überzeugen konnten und andersherum auch keine diesbezüglichen Erfolge zu verzeichnen waren. Die friedliche Koexistenz hat schon was.


