Zypern - 10. Mai 2010
Die verschlossenen Wesensmerkmale
Nachdem Heidis Handy kurzfristig MMS-tauglich gemacht worden war, wurden die restlichen Utensilien verstaut. Das Packen eines Autos bei einer Flugreise geschieht durch die begrenzte Anzahl an Gepäckstücken in Nullkommanix. Wie geplant rollten wir, von Maximilian chauffiert, um 11.45 Uhr vom Gehöft in Richtung Schönefeld. Dort würde unsere Condor-Maschine um 13.50 Uhr starten. Der isländische Vulkan hatte auch nichts dagegen. Es leif weiterhin alles wie am Schnürchen.
Der Service an Bord ließ nichts zu wünschen übrig, sodaß es uns fast leid tat, daß wir schon zehn Minuten früher in Larnaka aufsetzten. Seltsam war nur, daß wir praktisch innerhalb der EU bei der Einreise unsere Dokumente vorzuweisen hatten. Zu diesem Zwecke hatten sich mehrere Schlangen gebildet und wir verplemperten ein paar Minuten, weil wir uns an die für "alle" angestellt hatten. Offensichtlich war parallel eine Außer-EU-Machine gelandet und die Kontrolle deren Passagiere zog sich. Wir wechselten dann doch an den EU-Schalter. Als wir an die Gepäckausgabe kamen, hätte ich unsere Koffer fast passieren lassen, denn nach den Erfahrungen des vergangenen Jahres hatte ich noch nicht mit ihnen gerechnet.
Jetzt noch das bestellte Auto bei Sixt abholen und dann links einordnen. Nein, das ist hier auf Zypern nicht die Überholspur, sondern die allgemeine Verkehrsart. Am Schalter wartete man schon auf uns. Günter kann ich nächste Woche problemlos als weiteren Fahrer nachtragen lassen und selbst nach Nordzypern dürfen wir mit dem Škoda fahren. Nur daß wir dort nicht versichert sind. Die allerste kleine Nachlässigkeit trat auf, als wir am Parkplatz ankamen. Dort war die angekündigte Betreuung weit und breit nicht zu sehen. Wir fanden den Škoda Octavia mit dem roten Nummernschild trotzdem und begannen unsere Koffer zu verstauen, als der Sixtmitarbeiter doch noch auftauchte. Auf dem Übergabeprotokoll waren alle unschönen Schrämmchen verzeichnet und zum Abschied übergab er uns die Karte zum Öffnen der Schranke. Perfekt.
Heidi lotste mich in Richtung Limassol. Langsam ging die Sonne unter. Autobahnabfahrt 21 war das Ziel. Von dort ging die Strecke über Parekklisia, wo wir nicht einkauften, da uns die von Mr. Harrison in Kellaki angeratenen „Wesensmerkmale” lockten. Leider war der Laden zu. Es blieb uns nichts übrig, als umgehend die örtliche Gastronomie zu frequentieren. Das Essen war gut und reichlich, das Bier kalt und die Bedienung freundlich. Sie hatte uns sogar angeboten, für den Supermarkt einzuspringen. Daß sie dies zum Gaststättenpreis tat, war bei zwei Bier und einem Päckchen Waffeln nicht so tragisch. Außerdem wurden wir von einem englischen Gästepaar aus Bath nach Klonari geführt. Sie fahren schon seit 20 Jahren immer wieder hierher - erstaunlich. Er wußte sogar, wo der Schlüssel für's Haus liegt. Wir bedankten uns für die Hilfe und werden uns sicher noch öfter über den Weg laufen.
Nachdem wir das Haus in Besitz genommen, Heidi die Kofferinhalte in den Schränken und Kommoden verstaut hatte, machten wir es uns mit den zwei Bieren auf der Terrasse gemütlich. Florian und Maximilian erhielten die obligatorischen SMS und auch Karin wurde über unsere glückliche Ankunft informiert, als wir ganz in der Nähe seltsame Geräusche wahrnahmen. Im Weingeäst des schattenspendenden Terrassendaches hatten sich mindestens drei Hähne mit ihren Konkubinen eingenistet. Ob das wohl gutgeht? Die Entfernung zu unserem Schlafzimmer beträgt etwa 10 Meter. Das Spektakel dreier Hähne am frühen Morgen könnte unangenehm werden. Aber wir wollten nicht vorschnell unseren Vertrauensvorschuß zurückziehen und ließen die Hühnerschar schlafen. Gegen 00.30 Uhr hiesiger Zeit folgten wir ihrem Beispiel.
Punkt 03.05 Uhr meinte einer der Hähne, seinen Schrei nicht unterdrücken zu können, worauf auch ein zweiter Hahn in das Geschrei einfiel. Die Hähne schliefen eher wieder als wir. Als um 04.30 Uhr eine zweite Lautmeldung erfolgte, war der oben erwähnte Vertrauensvorschuß aufgebraucht und ich machte dem Federvieh mit dem Sonnenschirm Beine. Von da an hörten wir die Lautäußerungen aus größerer Entfernung, was den Schlaf kaum noch störte, bis sich endlich um 05.30 Uhr einer der Hähne zu einer erneuten Attacke durchrang und vom Dach des Kaminzimmers tirilierte. Das war vielleicht 12 Meter entfernt, klang aber so, als hockte er noch im Weinlaub. Der Weckruf trieb mich zur erneuten Aktion, nur daß ich das Kerlchen dort oben mit dem Sonnenschirm nicht erreichen konnte. Es sah bestimmt lustig aus, wie ich in Unterhose herumhopste und dem Vogel ein paar weitere Meter Distanz abrang. Von da an ging's.
Jost



